Love Letter

Heute handhabe ich die Reviews mal etwas anders, da es sich bei Love Letter um einen Einzelband handelt. Die Krux ist jedoch, dass dieser einerseits einen One-shot zu einer bereits besprochenen Reihe umfasst und andererseits die titelgebende Geschichte viel mehr Aufmerksamkeit verdient. Daher gibt es zum heutigen Samstag gleich drei Reviews!

Love Letter

Love-Letter---Seo-Kouji-(2007)
© Seo Kouji / Kodansha

In den Geschichten Seo Koujis liegt etwas bittersüßes, melancholisches. So auch in diesem One-shot Love Letter, der die Geschichte eines jungen Paares innerhalb der Unausweichlichkeiten des Zweiten Weltkriegs erzählt.

Es gibt nicht viel über diese Kurzgeschichte zu sagen. Im Angesicht schwieriger Zeiten finden sich zwei Menschen, die vom Schicksal des Krieges auseinander gerissen werden, aber dennoch über Briefe Kontakt zueinander halten. Bis das Unausweichliche eintrifft.

Ihr solltet diesen One-shot zuerst lesen und danach hierher zurückkehren, um bei Bedarf meine Gedanken zu lesen…

An dieser Stelle darf – und soll – gar nicht verharmlost werden, was Japan zu Kriegszeiten getan hat. Ähnlich wie die Nazis oder die Allierten. Krieg ist schlimm, Krieg ist ungerecht. Egal, von welcher Seite aus betrachtet. Denn es sind Menschen. Sie alle sind Menschen. Täter, Opfer. Und gerade die, um die es in dieser Geschichte geht, sind die menschlichsten von ihnen. Es ist bitter, im Angesicht der Aufgabe, vor der Toshio steht: Diese Mission, ein zweischneidiges Schwert. Gerade auch aus historischer Sicht. Und dennoch meistert Love Letter diesen Zwiespalt.
Denn hier geht es nicht um Ehre. Auch die Loyalität zum eigenen Land steht nicht im Zentrum der Handlungen, auch wenn es aufgrund der japanischen Kultur durchaus impliziert werden kann. Hier geht es um die Liebe zweier Menschen und das Bedürfnis, diejenigen zu schützen, die einem wichtig sind. Was soll einem da für ein Vorwurf gemacht werden? Und wer ist man, der sich darüber ein Urteil gestattet?

Warum funktioniert das hier also so gut?
Love Letter mag vom Titel her vielleicht so klingen, als würde viel gesagt werden. Tatsächlich ist genau das nicht der Fall. Toshio ist ein Mann der wenigen Worte und Chieko eine Frau, die von seinen Handlungen unerwartet spontan getroffen wird und gar nicht so recht weiß, was sie tun soll. Dazu noch die Zwänge der Gesellschaft und die Lage, in der sich das Land befindet.
Das interessante an diesem Paar ist, wie wenig zwischen ihnen gesagt wird, aber wie viel Bedeutung die Aktionen der beiden in sich vereinen. Dabei geht Mangaka Seo Kouji recht nüchtern vor und dennoch gelingt es ihm, diese ungesagten Worte und die Gefühle des Paares dahinter greifbar zu machen. Wie ein leerer Raum, der mit Wärme gefüllt wird.
Und dann sind da natürlich noch die Liebesbriefe, die einen nicht unwesentlichen Teil dieses Raums einnehmen.
Als Leser bekommt man die meisten gar nicht zu lesen, stattdessen sehen wir nur, wie Chieko sie liest oder auch nur in der Hand hält. Aber ihre Reaktionen sprechen deutliche Worte, was durch die wunderbaren Zeichnungen vermittelt wird. Überhaupt beweist Kouji ein Geschick für seine Bild- und Panel-Kompositionen, die eine Geschichte in all ihrer Kürze erzählen, ohne unnötige Gefühlsduselei aufkommen zu lassen. Wie gesagt, es wirkt auf eine Weise nüchtern, aber auch unglaublich gefühlsgeladen, da die Zeichnungen sehr viel Raum für die Emotionen und vor allem die Fantasien des Lesers übrig lassen, sich in dieser Geschichte selbst zu finden. Es steckt kein Gramm zu viel in den Bildern, es wird nicht schmalzig oder gar kitschig, aber es trifft mit aller Konsequenz dort, wo die Liebe wohnt: Ins Herz. Und da bleibt kaum ein Auge trocken, wenn der allerletzte Liebesbrief bei Chieko eintrifft…

9/10

Half & Half

Half-&-Half---Seo-Kouji-(2012)
© Seo Kouji / Kodansha

Nanu, hatten wir das nicht schon? Stimmt! Aber das hier ist der One-shot, der erst dafür sorgte, dass Half & Half in Serie gehen konnte!

Der One-shot unterscheidet sich nicht sonderlich gravierend von der seriellen Umsetzung, abgesehen vom Ende. Auf den Ecchi-Charakter wird hier vollends verzichtet, was die Geschichte eher in die Richtung einer gewöhnlichen Romanze zieht. Ansonsten gibt es nur kleine narrative Unterschiede – mit Ausnahme vom Ende. Wirkte es im Manga schon sehr abgehetzt, so wirkt es hier fast schon lieblos, was die Auflösung des Ganzen angeht. So wirkt der eingeworfene Kniff typisch für diese Art von Geschichte, was es dem Autoren leichter macht, ohne viel Aufwand zu einem Ende zu gelangen. Das ist ein wenig schade, gerade weil es bereits in der ausführlichen Umsetzung schon so abgekanzelt wirkte (aber immer noch besser, als hier).

Qualitativ machen sich einige Unterschiede bemerkbar, wenn es um den Zeichenstil sowie die Narration selbst geht. Der Artstyle für die Charaktere ist sketchy und zeigt, das noch viel Luft nach oben ist, speziell im Vergleich zu Love Letter oder der Serie. Es wirkt zumindest etwas weniger professionell, was aber durch einige Detailbilder wieder ausgebügelt werden kann. Optisch reißt Seo Kouji also nicht sonderlich viel.
Die Erzählung bedient sich, wie erwähnt, einiger feiner Unterschiede zur Langversion. Was auf den ersten Blick kaum Bedeutung haben mag, erschließt sich allerdings zum Ende hin und fischt dadurch in schmalzigen Klischees, die in solchen One-shots doch häufig bedient werden.

Überhaupt mangelt es der Kurzfassung von Half & Half an Feinfühligkeit, was in Anbetracht des geringen Umfangs für eine holprige Entwicklung der Beziehung zwischen beiden Parteien sorgt. Wie von null auf hundert geschaltet wird, lässt sich nur schwer abkaufen und daran scheitert dieser One-shot dann auch. Gerade wenn die Langfassung bereits bekannt ist, könnte man sich schwer damit tun. Ich tat es jedenfalls und werde diese Umsetzung aufgrund ihrer kitschigen Auflösung nur ungern in Erinnerung behalten.

5/10

Azusa

Azusa---Seo-Kouji-(2007)
© Seo Kouji / Kodansha

Ein Liebesgeständnis, das fatal in die Hose geht!

Ein junger Mann nimmt all seinen Mut zusammen und will seiner Angebeteten seine wahren Gefühle offenbaren. Leider unterläuft ihm dabei ein schreckliches Missgeschick, was für unangenehme Konsequenzen sorgt…

Nach dem Ausrutscher des One-shots zu Half & Half findet sich mit Azusa ein versöhnlicher Abschluss dieser Sammlung an Kurzgeschichten. Vielleicht etwas romantisch verklärt und weitestgehend oberflächlich bleibend, findet sich hier eine klassische „Oh shit!“-Situation, die allerdings wieder so sympathisch ausgearbeitet wird, dass sich über die fehlende Tiefe leichter hinwegsehen lässt. Zudem ist hier auch wieder eine Kontinuität innerhalb der Charakterentwicklungen spürbar, die der Geschichte etwas „fluffiges“, ja leichtherziges, verleiht. Dadurch wirkt man nicht ganz so niedergeschlagen, wie nach den vorigen Kurzgeschichten, was einen sehr versöhnlichen Charakter in sich birgt.

Die Zeichnungen sind in Ordnung: ein spürbarer Fortschritt zu Half & Half ist erkennbar, wodurch sich dem Niveau der Serie angepasst wird.

7/10

Alles in allem ist in Love Letter alles vertreten. Seo Kouji versteht es, Gefühle in kleine Mangapanels zu übertragen, auch wenn nicht jede Kurzgeschichte so sitzt, wie die titelgebende. Dafür sollte jeder einen Blick riskieren, der sich nach etwas (oder eben mehr) Melancholie sehnt. Dabei ist von einem historischem Setting hin zur modernen Universität und zur Highschool alles vertreten, was für unterschiedliche Grade an Liebe(sschmerz) sorgt.

Love Letter | Half & Half | Azusa
Autor: Seo Kouji
Jahr: 2007
Bände: 1 (One-shot-Collection)
Verlag: Kodansha

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Veröffentlicht von

Schlopsi

Leidenschaftliche Film- und Serienschauerin, dazu noch ungemein gaming- und musikvernarrt. Seit geraumer Zeit steht auch die japanische Unterhaltungsindustrie hoch im Kurs. Durchtrieben von bissigem Humor, aber eigentlich auch ganz nett.

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