Half & Half – Seo Kouji (2012)

Unvermittelt stürzt Yuuki Sanada vom Schuldach. Pech für Shinichi Nagakawa, der gerade zufällig das Gebäude passiert und sein Laufweg dadurch ihre Flugbahn kreuzt. Das Resultat? Beide sterben. Doch im Limbus erhalten sie von einer Stimme eine Chance:
Sie haben sieben Tage, um zu entscheiden, wer von den beiden leben – und wer sterben soll. Fortan teilen sie nicht nur ihr Leben und das unausweichliche Schicksal miteinander. Nein. Die Stimme sorgt dafür, dass sie noch weit mehr miteinander teilen…

Oh, diese Geschichte ist herrlich und so absurd, wie sie klingt. Die einen fürchten sich vielleicht vor einem herunterstürzenden Blumentopf, und hier lässt Seo Kouji einfach einen Menschen vom Dach stürzen, der rein zufällig einen anderen unschuldigen Passanten mit sich ins Jenseits nimmt. Oder zumindest bis kurz davor. Basierend auf dem gleichnamigen One-shot, stellt Half & Half einige Genrekonventionen gehörig auf den Kopf.

Half-&-Half---Seo-Kouji-(2012)-Panel
© Seo Kouji / Kodansha

Obwohl hier einiges auf Ecchi hindeutet und einige Situationen auch locker darunter fallen, geht dieser Manga in eine völlig unerwartete Richtung, die zwischen Situationskomik und einer bittersüßen Liebesgeschichte hin und her schwingt. Man sollte diesen Genretag also nicht als Hauptgenre betrachten und der Versuchung verfallen, dass sich hier nur sinnentleert bespaßt wird. Ganz und gar nicht. Denn nachdem Sanada und Nagakawa mit ihrer neuen Situation konfrontiert werden und merken, was sie in den kommenden Tagen alles miteinander teilen müssen, entpuppt sich die Geschichte als ein übernatürliches Drama. Gespickt mit heiteren Momenten, die jedoch den Ernst der zugrundeliegenden Situation nicht aus dem Fokus verlieren. Schließlich muss am Ende die Entscheidung getroffen werden, wer weiterleben darf und wer endgültig sterben muss.

Dabei geht Half & Half ausgesprochen konsequent vor. Mit der Geradlinigkeit eines One-shots lesen sich die 13 Kapitel zügig. Diese fallen mit knapp 30 Seiten auch recht kurz aus, was dem ganzen aber nur zuträglich ist, da somit kein Raum für unnötigen Storyballast geboten wird. Kouji beschränkt sich weitestgehend auf seine beiden Protagonisten, die sich gezwungenermaßen miteinander arrangieren müssen und streut nur sporadisch andere Figuren ein, was den Entscheidungsprozess zwischen den beiden natürlich jeweils beeinflusst. Wessen Leben ist mehr wert? Oder: Wer leidet unter dem Tod des einen oder des anderen? Freunde? Familie? Jemand anderes?

Auch wenn sich die anbahnende Romanze schon Meilen gegen den Wind erahnen lässt – was soll auch anderes erwartet werden, wenn zwei Personen sieben Tage und Nächte in der Nähe des jeweils anderen ausharren müssen – ist es erfrischend zu beobachten, wie sich Kouji in diesem Gedankenexperiment austobt und welche Grenzen er sucht. Es werden alle Möglichkeiten ausgeschöpft und auf die klassische Auflösung verzichtet, die sich als feiger Ausweg beschreiben ließe. Die Prämisse steht von Beginn an fest und sie wird durchgezogen. Auch wenn das Ende etwas abgehetzt wirkt… im Endeffekt unterstreicht das jedoch den Fakt, wie lange sich sieben Tage anfühlen können und wie schnell sie paradoxerweise zur gleichen Zeit vorüberziehen können… was besonders schmerzlich ist, wenn man als Leser feststellen muss, wie sehr einem die anfangs noch unausstehlichen Charaktere doch ans Herz gewachsen sind. Seo Kouji bewältigt diese Gratwanderung und schafft ein Portrait einer ungleichen Beziehung, das die unmögliche Frage beantworten muss.

Der Zeichenstil ist typisch ecchi – die Augen groß, die Proportionen etwaiger weiblicher Geschlechtsmerkmale überzogen groß, die Details in den Panels nicht überschwänglich präsent. Und wenn doch, dann sind sie ausgesprochen gut ausgearbeitet, was sich jedoch rein auf den Hintergrund beschränkt. Es ist nichts Markantes im Charakterdesign zu erkennen, aber es ist auch nicht hässlich. Die Gefühlsregungen, und die sind hier am wichtigsten, werden gut eingefangen, was die Entwicklung innerhalb der Beziehung zwischen den beiden genau trifft. Kurz gefasst: Ein unauffälliger Zeichenstil, der sich auf das Nötige konzentriert.

Half & Half ist frech, witzig und zugleich ein Liebesgeständnis im Angesicht des nahenden Todes. Trotz des übernatürlichen Aspekts bleibt diese Geschichte geerdet und bleibt stets nah an den Charakteren. Erstaunlich kurzweilig und dennoch emotional. Sehr empfehlenswert, wenn es etwas Kürzeres für zwischendurch sein soll!

PS: In der kommenden Woche erwartet euch noch eine Dosis von Mangaka Seo Kouji! Bleibt dran!

8/10

 

Half-&-Half---Seo-Kouji-(2012)
© Seo Kouji / Kodansha

Half & Half
Autor: Seo Kouji
Jahr: 2012-2015
Bände: 2 | Kapitel: 13 Kapitel (abgeschlossen)
Verlag: Kodansha

 

Relationen:
Half & Half (One-shot)

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Veröffentlicht von

Schlopsi

Leidenschaftliche Film- und Serienschauerin, dazu noch ungemein gaming- und musikvernarrt. Seit geraumer Zeit steht auch die japanische Unterhaltungsindustrie hoch im Kurs. Durchtrieben von bissigem Humor, aber eigentlich auch ganz nett.

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