Chikan Otoko – YOKO (2004)

Oh yeah. Ich muss mir während des Tippens tatsächlich ein breites Grinsen verkneifen, aber es geht einfach nicht. Denn Yoko hat es wieder geschafft: Nach der bittersüßen und psychologisch angehauchten Coming of Age Story rund um Onani Master Kurosawa darf der Leser nun auch „Molester Man“ in Chikan Otoko dabei zusehen, wie ein Außenseiter, der versehentlich für einen Stalker gehalten wird, durch die Querelen eines jeden Jugendlichen marschiert. Eine Geschichte, die so oder zumindest so ähnlich tatsächlich stattgefunden haben könnte (wen wundert’s heutzutage überhaupt noch?), wenn man diversen Berichten glauben schenken mag…

Molester Man ist ein sozial abgeschottet lebender Student und Otaku, der seine freie Zeit mit seinen virtuellen Bekannten im Textboard 2ch verbringt. Als er eines Tages von seinem Teilzeitjob zurückkehrt, wird er auf dem Heimweg von einer jungen Dame für einen Stalker gehalten – und prompt verhaftet. Das Missverständnis klärt sich jedoch schnell auf und Miss Understanding (die junge Dame) erzählt, dass sie tatsächlich von einem Stalker belästigt wird. Molester Man zögert nicht lange und bietet in dieser Angelegenheit seine Hilfe an – in der Hoffnung sie zu daten und so seiner Jungfräulichkeit zu entfliehen. Entgegen seiner Erwartungen nimmt sie das Angebot an und macht Molester auch mit ihren Freundinnen Loli und Kansai bekannt…

Chikan Otoko könnte kaum Slice of Life-iger sein: Ein junger Mann trifft auf eine junge Frau und gefühlt die Hälfte der Zeit wird gejobbt, geshoppt, gegessen oder gesprochen. Es ist so alltäglich, dass man meinen möchte, es würde langweilig werden. Aber nichts da:
Ja, es ist gängige Normalität, aber genau dieser Mechanismus funktioniert unter der Federführung des Mangaka YOKOs/Takuma Yokotas am besten: Der Hauptcharakter ist ein Loser, der dank einer irrwitzigen Situation aus seiner Routine geworfen wird und sich an die neuen Umstände anpassen muss. Und diese heißen: Liebe.

Ja. Liebe. Das wahrscheinlich am häufigsten genutzte und ausgewalzteste Motiv überhaupt, um eine Story ins Rollen zu bringen, die einzig und allein dazu dient, aus einem Loser einen gestandenen Mann zu machen, der durch unzählige Turbulenzen stolpern muss, um dadurch zu einem „Helden“ zu werden und das Herz seiner Angebeteten für sich zu gewinnen. So auch hier – nur eben anders. Denn wenn sich Yokota um eines wirklich bemüht, dann darum, dass sich seine Charaktere so authentisch anfühlen, dass sie in unzähligen Punkten Identifikationsmöglichkeiten bieten. Sie könnten glatt aus dem Leben gegriffen sein: Molester, der sich mit der Liebe sichtlich schwer tut, nun schon nahezu taktisch sein Ziel verfolgt und dabei geplagt wird von altbekannten Zweifeln eines Losers, die wohl jeder schon einmal selbst gefühlt haben dürfte; die verletzliche Miss Understanding, die sich von einem Stalker bedroht sieht und kindlich naiv in Gedanken auch mal neben der Spur agiert; Loli, die Filigrane, die alles abnickt und Kansai, die tomboyische starke Frauenfigur, die dem perfekten Kumpeltyp entspricht und sympathische Gags auf deine Kosten reißt, aber auch über sich selbst in gesundem Maße lachen kann. Und mit diesem plötzlichen Übermaß an Damen muss Molester Man auch erst mal zurechtkommen…

Obwohl die Geschichte durchaus eine Handvoll Wendungen unternimmt, so ist sie doch weitgehend schnörkellos präsentiert. Die Handlung ist, ebenso wie der Humor, ehrlich und direkt, manchmal etwas kindlich naiv, dann wieder ernst und emotional, an geeigneter Stelle nahezu unreif, nur um dann wieder völlig erwachsen zu sein. Ähnlich wie Onani Master Kurosawa ist auch Chikan Otoko ein Hybrid aus Coming of Age und Romanze, Slice of Life und Comedy, gekrönt von einem gesunden Schuss an Dramatik. Oft genug entdeckt man sich selbst in den Situationen wieder und überlegt, wie damit umzugehen sei, welche Entscheidung man vielleicht für sich selbst treffen würde oder ob dieses Übel dem anderen vorzuziehen sei. Eine Eigenheit, die diesen Titel über den Einheitsbrei an Genrekost hinaus hebt und deutlich erwachsenere Töne anspricht. Überhaupt überrascht es, wie leicht es scheint, reife Gedanken mit völliger Loserattitüde zu kombinieren, gerade wenn Molester Man über seine Situationen mit seinen „Vippers“ (Textboardkommentatoren) schreibt und diese in Anbetracht seiner eigenen Hilflosigkeit um Rat bittet. Und doch sind gerade das die Momente, in denen die Geschichte so viele Berührungspunkte bietet. Weil Molester Man nicht fehlerfrei ist, er ehrlich über seine Verlangen sprechen kann, ohne dass man dabei sofort an einen coolen Hecht aus dem TV denken muss, er auch mal äußerst egozentrisch denkt, ohne dass man es ihm verübeln könnte. Auch wenn manche Äußerungen schon … nunja… überschwänglich daher kommen und der Molester doch eigentlich schon seine Pubertät überstanden haben sollte. Aber Größenwahnsinn, der kann sich immer noch ausprägen…

Der Zeichenstil ist anders als üblich, dominieren bei YOKO doch skizzenähnliche Bleistiftzeichnungen die Panels. Er wirkt roh und ist mit wenigen Details ausgestattet, dafür lässt sich jeder einzelne Strich nachvollziehen und die Reduktion auf das Wesentliche wird gekonnt zur Geltung gebracht. Ein Stil mit eindeutigem Wiedererkennungswert, wusste ich doch anfangs nicht, von wem der Titel stammt und prompt an sein anderes Werk denken musste. Ähnlich wie die Geschichte selbst, sind jedoch auch an entsprechender Stelle die Zeichnungen der Situation (sprich: dem Humor) angepasst, was mit deutlichen Brüchen im Stil einhergeht, aber die sympathisch unreifen Gags genüsslich unterstreichen. YOKO spielt dann mit optischen Klischees in Gefühlsausbrüchen, weiß jedoch auch, wann er wieder zur ursprünglichen Optik zurückkehren muss, ohne dabei die Geduld des Lesers zu strapazieren.
Der einzige Punkt, den es offen zu kritisieren gilt, ist die Textlastigkeit, die sich gerade zu Beginn deutlich zeigt. Nun ist die Geschichte aus einem real existenten Textboard bis zu einem gewissen Grad übernommen worden, aber manche Seiten ertrinken förmlich in zu viel Text, welcher noch dazu wenig Mehrwert bietet. Im weiteren Verlauf reduziert sich das zwar, aber die bis dahin auftretenden Textwände hätten doch etwas besser gelöst werden können, als über die eigentlichen Panels hinweg noch mehr zu erklären und zu zeigen.

Chikan Otoko mag Slice of Life sein, begegnet diesem oft als eingeschlafenes Erzählen gestraftes Genre mit spritzigem Humor und angemessener Direktheit. Ohne in Hektik zu verfallen, begleitet der Leser in angemessenem Tempo Molester Man dabei, wie er zusehends aus seiner Komfortzone rückt, ohne sich dabei für andere verbiegen zu müssen. Und vielleicht, aber nur vielleicht, wartet am Ende ja der Jackpot auf ihn…

10*/10

chikan-otoko-takuma-yokota-2004Chikan Otoko
Autor: YOKO
Jahr: 2004
Bände: ? | 21 Kapitel (+ Bonus)
Verlag: N/A

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Veröffentlicht von

Schlopsi

Leidenschaftliche Film- und Serienschauerin, dazu noch ungemein gaming- und musikvernarrt. Seit geraumer Zeit steht auch die japanische Unterhaltungsindustrie hoch im Kurs. Durchtrieben von bissigem Humor, aber eigentlich auch ganz nett.

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